Es ist geschafft
Es ist immer noch bewölkt als ich aufstehe. Kyle, der Meteorologe, meint es soll gegen Mittag aufklaren. Nun mal sehen, für heute sind vier Flugzeuge aus McMurdo angekündigt. Das ist ein Rekord für diese Saison, aber immer noch wenig im Vergleich zu den teilweise mehr als 10 Flügen pro Tag als die Station gebaut wurde. Los ging es mit den Stationen am Pol in 1957. Damals errichtete das US Militär eine erste kleine Station in der Nähe des geographischen Südpols für Messungen im Rahmen des Internationalen Geophysikalischen Jahres (IGY). Die Station bestand im Wesentlichen aus Holzbaracken und Zelten, die allmählich vom Schnee zugeschüttet und durch dessen Gewicht zerdrückt wurden. 1975 wurde dann die zweite Station, deren Hauptteil aus einem großen geodätischen Dom bestand, gebaut. Im Dom befanden sich geschützt vor Wind und Schnee Wohn- und Arbeitscontainer. Aber auch diese Station war nicht von Dauer, denn auch der Dom wurde mit der Zeit von Schnee zugeschüttet. Im Jahr 2008 wurde schließlich nach mehrjähriger Bauzeit die heutige überirdische Station eröffnet. Sie steht auf Stelzen, so dass der Wind unter der Station hindurch kann. Auf diese Weise sollen Schneeablagerungen verhindert werden, was jedoch nur zum Teil funktioniert.
Ich bin bereits bei der Arbeit im Labor als die Durchsage kommt, dass die erste Hercules in McMurdo gestartet ist. Wir werden von unserer Kommunikationszentrale immer per Funk über den Status der Flüge informiert. Jeder auf der Station trägt ein Handfunkgerät mit sich herum. Damit können wir untereinander kommunizieren ähnlich wie mit einem Handy; es dient aber auch bei Notfällen, wie beispielsweise Feuer, zum Feststellen wer wo gerade ist.
Keine 20 Minuten später kommt eine erneute Durchsage beginnend mit den üblichen Worten „Attention South Pole, this is comms with a flight update…“. Aber nach so kurzer Zeit kann das nichts Gutes bedeutet. In der Tat, ein „Boomerang“ – die Hercules dreht um und kehrt nach McMurdo zurück. Diesmal ist es ein technischer Defekt; eine Scheibe im Flugzeugrumpf ist geborsten. Der zweite Flug eine Stunde später wird schon vor dem Start wegen schlechten Wetters abgesagt. Und auch der dritte Flug heute fällt aus.
Christopher und ich räumen derweil im Labor um unser Lidar herum auf. Ich ändere noch ein letztes Mal ein paar Kleinigkeiten an der Betriebssoftware des Lidars. Es folgt ein letzter Test, wir messen nochmals die Laserleistung und die Zeitverzögerung der Laserpulse, wir schrauben die Lidar-Box zu und dann, ja dann ist es geschafft. Das Lidar ist fertig für den Messbetrieb im kommenden Winter.
Christopher und Bernd vor der nun zugeschraubten Lidar-Box
Wir katalogisieren die Ersatzeile und das Werkzeug und packen alles in eine der leeren Transportkisten, die neben dem Lidar im Labor bleiben wird. Die anderen leeren Kisten werden in den nächsten Tagen nach draußen geschafft. Es gibt hier keine Lagerhallen. Alles nicht benötigte Material wird einfach nach draußen auf den Lagerplatz im Schnee vor der Station verfrachtet. Die Temperatur ist so niedrig und die Luftfeuchte so gering, dass keine Korrosion auftritt. Es gibt ja auch keinen Regen, der die Sachen feucht werden lassen könnte. Neben den ganzen Vorteilen gibt es aber auch einen eklatanten Nachteil, nämlich das Wiederfinden der Sachen. Nach ein paar Jahren sind die Kisten auf dem Lagerplatz von Schnee bedeckt und müssen buchstäblich ausgegraben werden.
In diese nun leeren Kisten war das Lidar verpackt
Der Lagerplatz vor der Station. Hier befinden sich auf bzw. im Schnee aufgereiht tausende Kisten und andere Dinge
Die extreme Trockenheit hat aber auch noch andere Auswirkungen. Sie lässt Papier und Karton schrumpfen, was zur Folge hat, dass sich die Deckel unseres Lidar-Logbuches wölben. Normalerweise würde sich alles gleich zusammenziehen, aber die Plastikbeschichtung auf der Außenseite verhindert dort das Schrumpfen während sich die unbeschichteten Innenseiten der Deckel zusammenziehen.
Aufgrund der extremen Trockenheit der Luft schrumpft das Papier und der Karton des Lidar-Logbuches mit dem Ergebnis, dass sich die Deckel wölben
Als kurz vor dem Abendessen die Meldung vom Start der vierten Hercules kommt, ertönen vereinzelt sarkastische Bemerkungen. Es ist das typische „uns“ versus „die“, wobei sich „die“ auf die Leute in McMurdo bezieht. Alle Flugoperationen werden von McMurdo aus geplant und gesteuert. Bei uns am Pol hat es exakt wie vorausgesagt bereits gegen Mittag aufgeklart. Das Flugzeug wird aber erst gegen 9 Uhr hier sein und dementsprechend erst nach Mitternacht wieder in McMurdo ankommen. Zwölf Stationsbewohner werden uns mit dem Flugzeug verlassen.
Wie jeden Donnerstag findet heute nach dem Abendessen wieder ein Abendvortrag statt. Das Thema ist SPIDER. SPIDER war eine im Dezember gestartete Ballonmission zur Erforschung der kosmischen Hintergrundstrahlung. Mittlerweile ist von SPIDER jedoch nur noch Müll und ein Stapel mit Festplatten mit wissenschaftlichen Daten übrig. Nach der Landung mussten die Ballongondel und das Instrument in Stücke gesägt werden, um dann die einzelnen Teile mit den kleinen Flugzeugen zur Station transportieren zu können. Dieses Schicksal ereilt beinahe alle größeren Ballonmissionen in der Antarktis.
Schließlich landet doch noch eine Hecules auf der Landebahn vor der Station und ich gehe mit der Kamera bewaffnet nach draußen. Heute ist es klar und ich kann die Hercules bis zum Abheben verfolgen.