Streifzug durch das Lager
Eine Basler Flugzeug kommt heute um eine erkrankte Person zu evakuieren. In McMurdo gibt es eine besser ausgestattete Klinik, und falls nötig, kann die Person dann weiter nach Christchurch ausgeflogen werden. Es ist der einzige Besuch heute, denn die LC-130 bleiben wegen schlechtem Wetter oder technischen Ausfällen am Boden.
Für weitere Tests mit dem Lidar ist der Himmel zu bewölkt. Also widme ich mich der Software und beseitige die letzten kritischen Fehler. Zudem binde das neue Messmodul für zusätzliche Temperatursensoren in die Datenerfassung ein. Jetzt können wir an insgesamt sechs Stellen die Temperatur des Teleskops überwachen. Bei dem Test gestern kühlte das Teleskop sehr langsam ab. Vielleicht dringt immer noch warme Luft aus dem Labor in die Teleskop-Box ein? Das werde ich morgen genauer untersuchen müssen.
Beim Mittagessen treffe ich Vivian. Sie ist bei IceCube, dem großen Neutrinodetektor, und ist mit Vorbereitungen für die Bohrarbeiten beschäftigt. Nächsten Sommer sollen sieben neue Löcher für neue Detektoren ins Eis gebohrt werden. Die Löcher werden mit heißem Wasser gebohrt, und es wird nach Berechnungen 53 Stunden dauern, um eine Tiefe von mehr als 1500 Metern zu erreichen. Nach dem Bohren bleiben nur etwa 24 Stunden für die Versenkung der Detektoren, bis das Loch wieder zufriert. Mit dem Beginn der Bohrung muss alles nach einem strikten Zeitplan erfolgen und es darf nichts zu Verzögerungen führen. Dementsprechend wird diesen Sommer alles vorbereitet und geübt, denn das letzte Mal wurde vor wurde vor 15 Jahren gebohrt und ein Teil der Erfahrung ist nach einer so langen Zeit verloren gegangen. Heute werden sie ein Pilotloch bis in vier Metern tiefe mit konventioneller mechanischer Bohrtechnik bohren. Erst dann kann der Heißwasserbohrer zum Einsatz kommen, denn im weniger dichten Firn würde sich das Bohrwasser horizontal ausbreiten. Ich treffe hier immer wieder interessante Leute, die sich mit irgendwelchen Spezialsachen beschäftigen.
Dann gehen die Arbeiten an der Software weiter. Es fehlt noch die Einbindung der Steuerung für die neuen Heizungen zum Abtauen des Teleskops. Schließlich entdecke ich noch einen Fehler in der Datenerfassung bei der Abfrage der Zustände der Subsysteme. Das alles ist nicht wirklich kritisch und schon fast eher kosmetischer Natur, erleichtert aber den Betrieb des Lidars.
Mein Abendspaziergang führt mich durch die großen Lagerflächen hinter der Station. Hier werden Zehntausende Kisten, Geräte und Material gelagert. Vieles scheint schon seit Jahrzehnten dort zu liegen. Ob es jemanden gibt, der weiß was in all den Kisten drin ist? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ein Großteil ist sicher noch vom Bau der Station, oder von der Vorgängerstation. Es handelt sich oft um massive Holzkisten zum Transport von Teilen. Manchmal kann man die Beschriftung außen noch erkennen. So finde ich Kisten, in denen Teile für das Schild des Südpolteleskops transportiert wurden. In anderen Kisten sind Maschinenteile gelagert worden: Ersatzteile für die großen Caterpillar Raupenschlepper, Teile für Ölheizungen, mobile Stromgeneratoren und anderes Gerät. Bei vielen Kisten ist die Beschriftung mittlerweile unleserlich. Dazwischen finden sich auch immer wieder Kartons, die langsam auseinanderfallen. Das Wetter ist gutmütig. Es regnet nicht und die Luftfeuchte ist praktisch null. Selbst unbehandelte Metallteile rosten hier nicht. Nur der Wind zerrt im Winter an den Kisten und die Eiskristalle schmirgeln irgendwann die Oberfläche ab.
Weiter hinten finde ich eine alte Hütte, die vermutlich beim Bau der Station vor 20 Jahren Verwendung fand und seither ungenutzt dasteht. In der Reihe daneben steht ein aufgegebenes Gebäude. Von außen sieht es beinahe unversehrt aus, aber im Inneren wurde die Elektroinstallation herausgerissen und die Versorgungsleitungen sind draußen einfach abgeschnitten. Was nicht mehr benötigt wird, das wird hier abgestellt.
Jeden Winter wird alles mit Schnee bedeckt und dann im Frühjahr müssen jedes Jahr aufs Neue die Lagerflächen ausgegraben werden. Fähnchen an Bambusstecken markieren die Anfänge und Enden der langen Reihen. Manches bleibt einfach irgendwann zugedeckt und für immer verschwunden.
Der Antarktisvertrag sieht vor, dass bei der Aufgabe einer Station alles Gerät wieder abtransportiert werden muss. Es ist aber eine Illusion, dass die Tausende Tonnen an Material, die hier lagern, ihren Weg wieder aus der Antarktis herausfinden. Für jedes Kilogramm an Fracht werden für den Transport nach McMurdo zwei Kilogramm Treibstoff für das Flugzeug benötigt. Der einzige politische Ausweg besteht darin, die Station weiter zu betreiben. Und vielleicht ein Teil des Mülls einfach nicht mehr jedes Jahr auszugraben.
Panorama der Lagerflächen hinter der Station.
Zwei lange Reihen mit Hunderten von Kisten
Schwere Holzkisten, in denen Teile für das Südpolteleskop hierher transportiert wurden.
Ein nicht mehr benötiger Schaltschrank
“Warmer Norman”: Diese Hütte wurde vermutlich von Monteuren während dem Bau der Station benutzt. Vermutlich war sie einmal mit einer Heizung ausgestattet.
Schnee ist durch die offenstehende Türe in diese Hütte eingedrungen. Vermutlich hat der Wind in einem der langen Winter die Türe aufgerissen.
Ein aufgegebenes Gebäude. Die Versorgungsleitungen wurden außen abgeschnitten.
In diesem Karton lagern Rohre für Eisbohrkerne.
Eine weitere Reihe mit Kisten.
Und noch eine mit auffallend roten Kisten.
Der hier gelagerte Schrott versinkt langsam im Schnee.